Ein kurzer Flirt mit der 'taz'

Da in letzter Zeit einmal mehr der Wunsch reifte, Nachrichten in regelmäßiger, kuratierter und recherchierter Form zu erhalten, hatte ich vor kurzem experimentell ein taz-Abonnement abgeschlossen. Das Techtelmechtel hielt gerade einmal eine Woche.

Die taz ist ein verhältnismäßig kleines Blatt, aber im Unterschied zu anderen finden sich zumindest gefühlt recht wenig Agenturmeldungen und oftmals deutlich bessere Recherche als bei den "großen" Häusern. Dass eine Zeitung politisch deutlich links steht, stört mich ebenfalls nicht, zumindest wenn sie Meinung als Meinung deklariert und Fakten nicht verfälscht.

Aber das mit den Fakten ist so eine Sache. Es dauerte genau bis zum ersten Wochenend-Auflage, bis ich über einen Teil der taz stolperte, der alles andere als faktisch untermauert daher kam. Im Teil "natürlich gesund" wurden die dicken Geschütze aufgefahren, mit deren sich die taz anscheinend bei pseudo-intellektueller Waldorf-Klientel lieb Kind machen will.

So lernte der erstaunte Leser am vergangenen Wochenende, wie gut Zucker (Verzeihung, homöopathische Präparate) gegen ADHS wirkt, basierend auf einer Studie, die ein „Forscher“ aus der Schweiz durchgeführt haben wollte. Besagter „Forscher“ ist schlicht ein auf Kinder spezialisierter Homöopath, der nach eigener Aussage 80 Prozent(!) seiner Behandlungen mit Magie durchführt. Natürlich ist da komplette Unvoreingenommenheit zu erwarten, eine kritische Hinterfragung solcher „Ergebnisse“ ist unnötig.

Im nächsten Text wurde ich dann beim Thema „komplementärmedizinische Begleittherapie bei der Krebsbehandlung“ u.a. darüber aufgeklärt, dass Heilfasten während einer Chemotherapie Wunder wirke. Fasten. Also Hungern. Während einer Chemotherapie. Körperlicher Stress und Energie-Entzug, einfach genial! (Wenn mir der Leser nicht glaubt, wie toll die Idee ist, der befrage gern den/die Onkolog*in seines Vertrauens dazu.)

Der Gipfel war dann allerdings der Verweis auf die „Gesellschaft zur biologischen Krebsabwehr“, welche sich im Netz unter biokrebs.de findet (nein, bewusst kein Link). Hier fand sich dann sofort ein alter Bekannter: Harald Walach. Die biologischen Krebsbekämpfer treten allgemein für gesunde Ernährung ein und dafür, dass der Körper sich am besten selbst heilen könne. Das ist sicher gar nicht gefährlich, wenn man so etwas verzweifelten Krebspatienten erzählt.

Nun gut. Ich habe deshalb heute der taz einen semifreundlichen Brief geschrieben. Soviel zu dem Ausflug in „linken“ Journalismus.

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit mache ich von meinem gesetzlichen Widerrufsrecht Gebrauch und widerrufe den Abschluss des Abonnements Nummer xxxxxx.

Da ich am Wochenende feststellen musste, dass die taz effektiv redaktionelle Werbung für lebensgefährliche Quacksalberei als Teil ihres journalistischen Auftrags zu verstehen scheint ("natürlich gesund"), kann ich es meinerseits nicht verantworten, hierfür auch noch zu bezahlen.

Der Artikel über Homöopathie bei ADHS ist bereits gefährlich distanzlos. Zwar ist es traurigerweise so, dass die Diagnose "ADHS" oft vorschnell gestellt wird und entsprechende Pharmaka dementsprechend zu oft verschrieben werden. Zuckerkugeln sind allerdings keine Alternative. Wenn eine Studie zeigt, dass homöopathische "Medikamente" genauso gut oder besser wirken als die Behandlung mit Methylphenidat, ist das vor allem ein Zeichen dafür, dass erstens die Diagnose oftmals falsch ist und zweitens Verhaltensänderungen im Umgang MIT dem betroffenen Kind einen riesigen Einfluss haben.

Allerdings so zu tun, dass mit magischem Wasser beträufelter Zucker eine wie auch immer geartete pharmakologische Wirkung besitzen könne, ist lebensgefährlicher Unfug. Mir sind persönlich Fälle bekannt, in denen zugunsten einer homöopathischen "Therapie" auf eine tatsächliche Behandlung verzichtet wurde, mitunter mit dem Resultat, dass sich die Symptome bis hin zum Notfall verschlechterten. Homöopathie ist NICHT harmlos, und sie ist NICHT wirksam. Wenn Sie darauf bestehen, in ihrer Zeitung einen anderen Eindruck zu erwecken, dürfen Sie das, aber müssen dass dann ohne finanzielle Unterstützung durch mich tun.

Dasselbe gilt für den Artikel zur komplementärmedizinischen Begleitbehandlung bei Krebs. Hier wurde durch die Bank nicht nur der Eindruck erweckt, die diversen Quacksalbereien von Homöopathie bis Akkupunktur (Und fasten? Während einer Chemo-Therapie? Sind Sie noch ganz bei Trost?) hätten eine spezifische Wirksamkeit, was durch zahlreiche Untersuchungen belegt und auch schon vom Blick der Naturgesetze aus mehr als unplausibel ist. Und nein, ich rede nicht von den wenigen tatsächlich vorhandenen Studien, die Alternativmedizin für wirksam erkannt haben, sondern ich rede von den HUNDERTEN Studien, die das Gegenteil festgestellt haben.

Der ganze traurige Zirkus wird schließlich gekrönt durch einen Verweis auf "biokrebs.de". Hier werden Krebspatienten allen Ernstes an eine Gesellschaft verwiesen, die "Selbstheilung" und bessere Ernährung propagiert und davon spricht, dass der Körper bei richtiger Ernährung und Vermeidung von "Schadstoffen" immer gesund bleibe. Direkt auf der Titelseite findet sich ein Verweis auf Harald Walach, der in der Kurpfuscher-Szene beinahe schon berühmt-berüchtigt ist und erst 2012 von der österreichischen Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) mit dem Negativpreis des "Goldenen Bretts" (vor dem Kopf) ausgezeichnet wurde.

Und nein, die Diskussion um Kurpfuscherei und Pseudo-Medizin ist nicht mal "kontrovers". Es herrscht in medizinischen und biologischen und physikalischen Kreisen derartige Einigkeit darüber, dass "Alternativmedizin" eben KEINE wirksame Medizin ist, wie sonst beinahe nirgends. Wenn Sie darauf bestehen wollen, hier von einer ungeklärten oder offenen Frage in der Wissenschaft zu sprechen, zeigen Sie damit vor allem eines: Ihre Ignoranz in wissenschaftlichen Themen.

Aber wie ich schon sagte: wenn Sie darauf bestehen, gefährlichen Unfug journalistisch verbrämt zu verbreiten, dürfen Sie das natürlich gerne tun, es herrscht ja Meinungs- und Pressefreiheit. Ich werde dann allerdings von meiner Freiheit Gebrauch machen, Ihnen dafür nicht weiter Geld zu geben. Das spende ich dann lieber an die tatsächliche Krebsforschung. Oder ich verbrenne es, das wäre immer noch weniger schädlich.

Mit freundlichem Gruß,

Kommentare

Leider wird dein Brief vermutlich nicht viel bewirken (außer der Auflösung deines Abos). Aber ich finde es gut, dass du so konsequent bist und dir die Mühe machst! DANKE
Ich habe derzeit in meinem neuen Heimatort ein noch größeres Problem mit der Quaksalberei: Alle Tierärzte hier werben intensiv mit Homöopathie und ähnlichem Mist. Ich muss also sogar im Notfall fast eine Stunde fahren, bis ich mal zu einem vertrauenswürdigen TA komme. Da könnte man verrückt werden. Es macht mir Angst, dass so ein Unfug sich dermaßen durchsetzen konnte - Homöopathie und dieser ganze andere Esokram ist wie Unkraut, es ist überall und nicht tot zu kriegen.