Total(itär)e Definitonsmacht

Ich sagte es schon einmal, ich bin Feminist. Das heißt, ich glaube an die Gleichberechtigung der Geschlechter und versuche im Rahmen meiner Möglichkeiten, Sexismus zu bekämpfen. Ich trete ebenfalls für das Recht jedes Menschen ein, über den eigenen Körper zu entscheiden: ob es um sexuelle Übergriffe geht, um Schwangerschaften (bzw. deren Abbruch) oder auch um Sexarbeit. Und das unterscheidet mich (leider) von einer ganzen Reihe selbst namhafter Feminist*innen. Der Knackpunkt, weshalb ich mit manchen (insbesondere einigen feministischen und antirassistischen) Aktivismus-Gruppen tiefe Probleme habe, liegt in einer allzu oft vorhandenen Saat einer subtilen Form von Totalitarismus, die leider nicht einmal gesehen, geschweige denn anerkannt oder angegangen wird.

Kürzlich lief im deutschen Fernsehen die lokale Vorausscheidung für den europäischen Musikwettbewerb ESC (ehemals „Grand Prix Eurovision de la Chanson“), und es gewann wenig überraschend eine junge Sängerin von gerade einmal 17 Jahren. Ihre Darbietung war ESC-Standardkost, und aufgrund des der Veranstaltung wie der gesamten Musikbranche bis heute innewohnenden tiefen Sexismus war ein gutes Abschneiden von vorneherein auch aufgrund dessen zu erwarten gewesen, dass Jamie Lee Kriewitz in vielerlei Hinsicht die üblichen heteronormativen Erwartungen an weibliche Jugend und Schönheit erfüllt (vulgo: sie ist blutjung und sieht gut aus).

Weshalb mir die Darbietung von Kriewitz Bauchschmerzen bereitete, lag allerdings nicht in dem belanglosen Pop-Stückchen, das bereits 2015 für den „Voice of Germany“-Wettbewerb geschrieben worden war und aufgrund seiner Veröffentlichung vor längerer Zeit und auch aus anderen Gründen stellenweise nur allzu „bekannt“ klingt. Nein, das Problem war das Outfit von Frau Kriewitz.

Die Sängerin aus Niedersachsen stand in einem sehr an die Anime- und Otaku-Subkultur erinnernden Kostüm auf der Bühne, welches neben den kulturellen Anleihen recht deutlich das „Schulmädchen“-Cliché bediente. Nun sind Minderjährige in sexualisierter Aufmachung auf deutschen Fernsehbühnen kein Novum (nicht wahr, Frau Klum?), der Anime-Aspekt des Kostüms von Frau Kriewitz vervielfältigte dieses Problem jedoch, denn die Aufmachung reproduziert die durchaus existierende Exotisierung asiatischer Frauen in der europäischen Kultur, er reproduziert und verfestigt also eine Verbindung aus rassistischer und sexistischer Diskriminierung, unter der speziell asiatische Frauen leiden. (Anm.: dies ist ein Beispiel für intersektionelle Diskriminierung marginalisierter Gruppen.)

Generell ist in aktivistischen Kreisen, und damit komme ich nach dieser etwas abschweifigen Einleitung so langsam zum eigentlichen Thema zurück, das Thema der „kulturellen Aneignung“ (cultural appropriation) ein mitunter hitzig diskutiertes Problem. Auch Jamie Lee Kriewitz hat letztlich, so könnte man argumentieren, sich einer solchen Aneignung schuldig gemacht. Ich habe persönlich allerdings mit dem Konzept so meine Schwierigkeiten, und das liegt an der im Grunde totalitären Idee, die dahinter steht. Wenn ich, anstelle die Wirkung des Kostüms zu thematisieren, also den Sexismus und unterschwelligen Rassismus, der damit bedient wird, mich auf „kulturelle Aneignung“ einschieße, erweise ich dem Diskurs nicht nur keinen Dienst, ich schädige ihn sogar, und ich öffne übergriffigem Verhalten an anderer Stelle Tür und Tor.

So gab es (ich finde leider den Link nicht mehr) vor einiger Zeit auf einem von einer Antifa-Gruppe organisierten Konzert den Vorfall, dass eine Gruppe Gäste des Hauses verwiesen werden sollte, weil ein Mitglied der Gruppe Rastalocken („Dreads“) trug. Nur eine Intervention der eingeladenen Band verhinderte dies. Begründet wurde der versuchte Hausverweis damit, dass Dreads eine afroamerikanische Tradition seien, spezifisch eine Haartracht aus der Karibik, die kulturelle Signifikanz für Teile der afroamerikanischen Bevölkerung trägt, unter anderem religiöse (bei den Rastafari) und sogar politische (als Widerstandssymbol).

Auch wenn ich mich damit bei einigen Menschen wohl unbeliebt machen werde, muss ich sagen, dass ich das Verhalten der Konzertveranstalter klar als übergriffig und unzulässig bewerte. Denn selbst wenn ich die Idee akzeptierte, dass Dreads als kulturelle Praxis der afroamerikanischen Bevölkerung „gehören“, kann ich einem Menschen seine ethnische „Zusammensetzung“ nicht unbedingt ansehen. (Wer mir das nicht glaubt, möge sich Bilder von Anna Ermakova ansehen.) Wenn ich von einem Menschen aber im Extremfall erst einmal quasi den Stammbaum abfragen muss, nur um meinerseits zu entscheiden, ob diese Person eine bestimmte Kleidung oder Haartracht tragen „darf“, läuft doch wohl etwas gehörig schief?

Generell ist diese Vorverurteilung nach Äußerlichkeiten abzulehnen und in sich schon hochgradig problematisch. Auf einem Kongress, der u.a. einen Workshop zu Genderfragen anbot, war Freunden von mir ob der feindlichen Stimmung dort dermaßen unwohl, dass sie wieder gingen. Sie sahen vermutlich schlicht zu „normal“ (also zu cis und heterosexuell) aus, weshalb die weiteren Anwesenden des Workshops anscheinend nicht einmal in Erwägung zogen, dass dortige Themen wie Bi- und Polysexualität, aber auch Genderrollen und -normativität für die Neuankömmlinge in irgendeinerweise hätten relevant sein können.

Die eben schon genannte Anime- bzw. Otaku-Subkultur in Europa und Amerika ist ein weiteres Beispiel. Animes sind ursprünglich japanische Zeichentrickfilme, teilweise von beeindruckender Qualität und hohem künstlerischen Niveau, die mit gutem Recht in westlichen Ländern zahlreiche Liebhaber gefunden haben. Eine Beeinflussung der lokalen Zeichner und Künstler bleibt allerdings nicht aus, und so machen sich also zahlreiche europäische Künstler allesamt schweren kulturellen Diebstahls schuldig, wenn sie diese Einflüsse verarbeiten und weiter entwickeln (selbst wenn sie sich der Quelle ihrer Inspiration gar nicht voll bewusst sind), ich müsste demnach dann zwangsläufig den westlichen Konsum japanischer Kulturerzeugnisse boykottieren, um die japanische Kultur vor dieser Aneignung zu schützen (und so ggf. asiatische Künstler und Firmen bankrott gehen lassen, der heiligen Kuh „Kultur“ zuliebe), oder ich müsste zumindest von allen Zeichnern den Stammbaum kontrollieren, ob sie japanische Eltern oder Großeltern haben.

Abgesehen von der ganz generellen Übergriffigkeit, dass andere Menschen sich quasi ethnisch (oder in anderen Bereichen sogar sexuell) „ausweisen“ müssen, bevor ihnen Rede-, Arbeits- oder auch nur Anwesenheitsrecht zugestanden wird, legt ganz konkret auch das Konzept der kulturellen Aneignung einen stark verengten Kultur-Begriff zugrunde, der sowohl von feinsäuberlichen kulturellen Trennlinien entlang ethnischer Gruppengrenzen ausgeht als auch von Kultur als etwas statischem, das rein passiv konsumiert wird (und nicht ständig im gesellschaftlichen Wechselspiel neu definiert). Außerdem wird effektiv die kulturelle „Reinheit“ ethnischer Gruppen zum Ideal erklärt, womit sich Verfechter meiner Meinung nach aber eben jener Exotisierung und eben jenes Rassismus' schuldig machen, die sie eigentlich bekämpfen.

Und wer nun meint, diese Beispiele seien an den Haaren herbeigezogen, dem sei versichert, dass ich in den sozialen Medien schon mehrfach Zeuge wurde, wie Personen andere Personen der Aneignung oder des „Whitesplaining“ bezichtigten, weil sie irrtümlich ihrerseits annahmen, die andere Person sei weiß. Mitunter wurde sogar der Hinweis auf den Irrtum angezweifelt, also im Zweifelsfall von einer weißen Person ausgegangen, die sich als ein Mensch of Colour nur ausgab, anstelle anzuerkennen, dass die andere Person vielleicht doch ein Rederecht besitze. Eine Bekannte in Großbritannien, die halb angelsächsischer und halb pakistanischer Abstammung ist, traut sich sogar nicht, öffentlich Kleidungsstücke oder Schmuck aus dieser Kultur zu tragen, weil sie glaubt, dafür „zu weiß“ auszusehen.

Die grundsätzliche Idee, dass bestimmte kulturelle Praktiken nur bestimmten Ethnien erlaubt seien oder dass zu einem Problem nur jemand reden dürfe, der direkt betroffen ist, geht auf das Konzept der Definitionsmacht zurück, das seinen Ursprung im Diskurs um sexualisierte Gewalt hat. Die Idee klingt eigentlich sehr logisch: im Falle eines Übergriffs hat nicht der Angreifer zu entscheiden, wann die Grenze des Akzeptablen überschritten ist, sondern immer das Opfer. Auf gut deutsch: ich lege meine eigenen Grenzen selbst fest und niemand darf sie hinterfragen. Wenn ich „nein“ sage, ist das final und nicht anzuzweifeln, und wenn sich die andere Seite über mein Nein hinweg setzt, ist sie übergriffig. Das ist zunächst einmal, wie die Bloggerin @drehumdiebolzen korrekt beschreibt, selbstverständlich, oder sollte es eigentlich sein. Durch die immer weiter getriebene Übertragung der Idee auf den allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs allerdings wird daraus ein totalitärer Mechanismus: „Männer“ haben zu feministischen Themen zu schweigen, „Weiße“ zu Rassismus und so weiter. Wie weit das gehen kann, kann man am Blog “Mädchenmannschaft“ sehen, bei dem letztlich die Gründerinnen(!) des Blogs vertrieben wurden.

Auch im ursprünglichen Themenbereich der sexualisierten Gewalt gibt es eskalierende Tendenzen: so geht die Autorin Antje Schrupp tatsächlich davon aus, dass das Problem sexualisierter Gewalt mit rechtsstaatlichen Mitteln (vulgo, unter Beibehaltung der Unschuldsvermutung) nicht gelöst werden könne. Was sie also letztlich sagt (aber natürlich so nicht verstanden werden will), ist dass für eine juristische Beleuchtung eines sexuellen Übergriffs ausschließlich die Beschuldigung durch das Opfer ausschlaggebend zu sein habe, was ein Ansatz ist, den ich doch recht gruselig finde. Denn wenn wir einmal das Prinzip „in dubio pro reo“ aufgeben, und sei es nur für einen einzelnen Straftatbestand, öffnen wir einer Beschuldigungsjustiz mittelfristig komplett Tür und Tor. Und ich wage die Prophezeiung aufzustellen, dass gerade Frauen und Minderheiten dann zu den ersten Opfern gehören werden.

Den dialektischen Trick, dem Gegenüber einfach das Recht abzuerkennen, zu einem Thema eine Meinung zu haben, trifft man übrigens im aktivistischen Umfeld gar nicht selten an. Eine Fraktion des Feminismus, welche gegen Sexarbeit eintritt (sex worker exclusionary radical feminists, kurz SWERFs), spricht de facto den Sexarbeiter*innen in diesem Diskurs das Recht auf eine eigene Meinung ab: entweder, die Sexarbeiter*innen sind selbst Täter, und damit als willige Helfer des patriarchalen Systems zu bekämpfen, oder sie sind unmündige Opfer, die schlicht keine Meinung haben. Nicht umsonst sprechen die Alice Schwarzers der Welt eigentlich ausschließlich von Menschenhandel, sobald es um Prostitution geht: man könnte auch böse sagen, dass die (weiße) Nicht-Sexarbeiterin Schwarzer nichtsdestostrotz sich die Definitionsmacht im Diskurs um Sexarbeit aneignet, und damit die Stimmen gerade der Personen, die sie angeblich schützen möchte, zum Schweigen zu bringen sucht. Dass bei „korrekter“ Anwendung von Definitionsmacht es im Gegenzug Frau Schwarzer wäre, die zum Thema Sexarbeit zu schweigen hätte, macht das Vorgehen der SWERFs zudem besonders zynisch.

Noch ein Beispiel gefällig? Gern. Eine weitere aktivistische Fraktion hat ein Problem mit trans Menschen (Anm.: ich benutze hier und im Folgenden das Wort „trans“ als Adjektiv für alle Menschen, die nicht cis sind). Insbesondere sind dies Feminist*innen, die nicht anerkennen wollen, dass Transfrauen Frauen sind (trans exclusionary radical feminists, TERFs). Und indem man Transfrauen einfach ihre weibliche Identität aberkennt, kann man sie als zu bekämpfende männliche Eindringlinge in weibliche Räume behandeln. So finden sich TERFs sogar nicht selten als überaus seltsame Bettgenoss*innen mit den religiösen Fanatismus-Gruppen wieder, die derzeit in den USA an mehreren Stellen per Gesetz trans Menschen zur Benutzung der Toiletten zwingen wollen, die ihrem angeblichen „Geburtsgeschlecht“ entsprechen. (Anm.: der Vortrag von I. Coyote zum Thema ist großartig und verstörend und traurig, ich kann nur dringend empfehlen, ihn anzusehen.)

Ich kann auf emotionaler Ebene sogar verstehen, wo Konzepte wie Definitionsmacht, Critical Whiteness o.ä. her kommen. Sie kommen aus dem (absolut legitimen!) Wunsch, dass marginalisierte Gruppen nicht länger von dominanten Gruppen der Gesellschaft ignoriert und übergangen werden. Es ist definitiv immer noch viel zu stark verbreitet, dass weiße Menschen Rassismus als Problem einseitig für gelöst erklären, dass Männer verkünden, ihrer Meinung nach sei der Sexismus beendet, dass heterosexuelle Menschen sich darüber echauffieren, dass LGB-Menschen Familien gründen wollen, dass cis Menschen trans Menschen erklären, sie seien geistig nicht gesund, das neurotypische Menschen zu Autisten oder anderen „Neuroatypicals“ sagen, sie seien einfach nur zu dumm. Und ja, weiße Menschen, die in langer imperialistischer Tradition andere Kulturen als Selbstbedienungsladen auffassen und sich z.B. im Kopfschmuck amerikanischer Ureinwohner präsentieren, sind alles andere als sympathisch.

Aber „Definitionsmacht“ bleibt totalitär. Denn was machen muslimische Eltern anderes, wenn sie ihre Kinder vom Schwimmunterricht fernhalten, oder christliche Eltern, die gegen den naturwissenschaftlichen Unterricht in Evolutionslehre agitieren, weil dieser ihrer religiösen Überzeugung widerspricht, als dass sie für sich in Anspruch nehmen, alleinig zu definieren, dass bzw. ab wann sie diskriminiert werden? Konflikte wie der um das Tanzverbot an Karfreitag oder auch ein kürzlich ergangenes Urteil gegen einen ehemaligen Lehrer wegen Gotteslästerung gehen genau in dieselbe Richtung: die alleinige Anwesenheit von anderen Ansichten wird selbst zur Unterdrückung umgedeutet und jede (reale oder empfundene) Beleidigung qua Definitionsmacht als Diskriminierung bekämpft. Und wer jetzt anmerken möchte, dass diese Gruppen in den beschriebenen Situationen gar nicht de facto diskriminiert werden, der*die sei an dieser Stelle daran erinnert, dass er*sie nach Definitionsmacht-Konzept gerade aus einer privilegierten Position heraus argumentiert und demnach zu dieser Frage zu schweigen hat, da jede Gruppe und jedes Individuum qua Definitionsmacht selbst entscheidet, wo Diskriminierung beginnt und andere dies nicht hinterfragen dürfen.

Anmerkung zum Schluss: was machen Aktivist*innen eigentlich anderes, wenn sie Frauenrechtler*innen, nur weil diese das Definitionsmacht-Konzept ablehnen, pauschal zu „Antifems“ oder Rassist*innen erklären, als dass sie die inhaltliche Auseinandersetzung durch ein argumentum ad hominem ersetzen? Das ist umso frustrierender, da sich Diskriminierung erfassen lässt. Sie lässt sich sichtbar machen, sie lässt sich beschreiben. Und nur so bekommen wir sie in den Griff. Damit, dass wir pauschal Menschen das Handlungs- oder Rederecht aberkennen (schlimmstenfalls basierend auf reinen Äußerlichkeiten, s.o.), invertieren wir die Diskriminierung nur: wir ersetzen die strukturelle Ungleichbehandlung im großen Maßstab durch einen Totalitarismus im Kleinen. Und mir graut vor der Vorstellung, dass aus diesem Totalitarismus im Kleinen irgendwann ein Totalitarismus im Großen werden könnte.