Die Stalking-App

Mit Geschäftsideen ist das so eine Sache. Einige sind gut, andere sind schlecht. Einige funktionieren, andere floppen, und prinzipiell ist es eine gute Sache, dass Investoren Risiken eingehen. Manchmal allerdings ist eine Idee dermaßen hirntot, dass man sich ernstlich fragt, welche Art Mensch sie jemals gut finden konnte. Eine solche stellt die „Peeple“-App dar, welche von vielen Menschen online passenderweise sofort in „Creeple“ umbenannt wurde. Denn gruseliger geht es tatsächlich kaum.

Peeple wurde von zwei Frauen gegründet. Das wäre normalerweise eine tolle Sache, aber im vorliegenden Fall drängen sich als mentales Bild eher Protagonistinnen aus „Sex and the City“ auf denn seriöse Firmengründerinnen. Beide sind weiß und blond und gutaussehend und kommen vermutlich aus der lokalen Oberschicht; jedenfalls ist ihre „Idee“ auch nur annähernd zu erklären, wenn man annimmt, dass sie entweder noch nie online aktiv waren oder zumindest noch niemals Schwierigkeiten mit Online-Schikane oder Stalking hatten, was sie zum Teil einer (leider erschreckend kleinen) Minderheit von Frauen macht. Hinter weißen Männern sind (insbesondere wohlhabende) weiße Frauen wohl aber tatsächlich diejenige Bevölkerungsgruppe, die es noch am leichtesten im Online-Leben hat.

Also, was ist "Peeple"? Peeple ist quasi ein Yelp für Personen. Yelp (für die Leserschaft, die es noch nicht kennt) ist eine Online-Plattform zur Bewertung von Orten und Unternehmen. Warst du letztens im Urlaub und willst der Welt von Kakerlaken erzählen, die im Hotel herumwuselten? Erzähl' es per Yelp. Der Mitarbeiter im Elektromarkt war unfreundlich? Verfasse eine Yelp-Rezension, die sich gewaschen hat. Man erkennt vielleicht, dass ich dem Konzept als solchem schon nicht sehr positiv gegenüber stehe: Yelp und Konsorten sind nichts anderes als Online-Pranger, und es liegt in der Natur der Sache, dass man dort zu einem erhöhten Anteil negative Anekdoten vorfindet, da bei vielen Menschen Verärgerung das Mitteilungsbedürfnis steigert.

Während man einen Online-Pranger für Firmen oder auch Ärzte (wie z.B. Jameda in Deutschland) noch akzeptabel und vielleicht stellenweise sogar nützlich finden kann, hört der Spaß aber spätestens auf, sobald es –wie bei Peeple– um Privatpersonen geht, insbesondere wenn diese dabei nicht einmal um Erlaubnis gefragt werden.

Das Grundprinzip ist einfach und abstoßend zugleich. Wenn man der Welt die eigene Meinung über eine Person mitteilen will, schreibt man eine Bewertung. Identifiziert wird eine Person dabei über ihr Facebook-Profil. Selbst bei Peeple Mitglied sein muss die bewertete Person (seien wir ehrlich: man sollte eher von „Opfer“ sprechen) dabei nicht. Ein Profil lässt sich anlegen, wenn man das Facebook-Profil und eine Telefonnummer angibt. Die Telefonnummer soll dabei offiziell Fälschungen und Doppeleinträgen vorbeugen.

Peeple-Screenshot: What if the person I am searching is not in the app? - If the person you are searching for is not in the app you can add their name, profile picture, and start their profile by rating them. You will need their cell phone number to start their profile and they will receive a text that you were the person to start their profile.

​Wir lassen uns das also einmal auf der Zunge zergehen: jemand anderes muss nur die eigene Telefonnummer und den Facebook-Namen kennen, um ein Bewertungsprofil bei Peeple anzulegen. Eine Bewertung besteht dabei aus drei Teilbewertungen: beruflich, privat und als Date. War ich also mit einer Dame aus und der Abend war eher langweilig, aber ich habe ihre Telefonnummer: nichts einfacher als das, und ich kann der gesamten Welt mitteilen, was für eine öde Gesprächspartnerin sie war (und sie natürlich umgekehrt auch).

Peeple-Screenshot: What am I not allowed to say on Peeple? - Please refer to our terms and conditions that you will have to agree to before joining and while being a user of our app. We do not tolerate profanity, bullying, health references, disability references, confidential information, mentioning other people in a rating that you are not currently writing a rating for, name calling, degrading comments, abuse, derogatory comments, sexual references, mention of confidential information, racism, legal references, hateful content, sexism, and other parameters in our terms and conditions.

Theoretisch sind eine Reihe von Themen tabu, insbesondere Sex, aber auch generell „private“ Dinge und Gesundheitsthemen. Auch Stalking und Schikane sind verboten– theoretisch zumindest. (Und wer mit anderen Diensten wie Twitter oder Facebook Erfahrung gesammelt hat, hat mitunter vielleicht schon am eigenen Leib erfahren, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen Theorie und Praxis gibt.)

Peeple-Screenshot: How do I dispute a review of me? - When another user makes a negative comment about you (2 stars or less) the comment does not go live right away. It goes into your inbox on the app, you will be notified, and now you have 48 hours timer to work it out with the user. If you cannot turn a negative into a positive the comment will go live and then you can publicly defend yourself.

Peeple-Screenshot: Can I delete comments made about me? - No. You can get them removed by Peeple if it violates our terms and conditions once you report it.

Richtig unheimlich wird Peeple, wenn man sich die Richtlinien zur Konfliktbewältigung ansieht. Einerseits gehen „negative“ Bewertungen (zwei Sterne oder weniger) nicht direkt online, sondern das Opfer (ich finde einfach kein anderes Wort passend dafür) wird zunächst nur benachrichtigt. In den folgenden 48 Stunden sollen sich dann Bewerter und Opfer miteinander arrangieren, so dass im Idealfall die Bewertung verbessert wird. Ansonsten wird die Bewertung trotzdem veröffentlicht und man kann sich „verteidigen“. Einen Anspruch auf Löschung von Negativbewertungen gibt es nicht.

Was Peeple damit letztlich ist, ist der wahrgewordene feuchte Traum jedes Stalkers und verärgerten Ex-Partners. Intime Fotos und beleidigende Bewertungen werden nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein, denn sie lassen sich gar nicht verhindern. Und selbst wenn Peeple tatsächlich die ganz schlimmen Dinge sofort löschen sollte: damit gegebenenfalls der gesamte Freundeskreis das erniedrigende Nacktfoto zu sehen bekommt, braucht es ja nicht lange.

Hat man die Telefonnummer des Opfers und den Namen bei Facebook, hat man leichtes Spiel. Da „positive“ Bewertungen sofort online gehen, kann man einen beliebigen, noch so widerlichen Text dazu schreiben und sofort veröffentlichen lassen. Das Opfer bekommt zwar eine SMS, aber muss sich dann erst einloggen und den Kommentar durch Peeple prüfen lassen. Das dauert erstens und ist zweitens vielleicht sogar komplett erfolglos, da in den USA, wo der Dienst beheimatet ist, die „Meinungsfreiheit“ praktisch eine heilige Kuh darstellt und ohne Rücksicht auf Verluste verteidigt wird. Ach ja, und ein Detail hätte ich beinahe vergessen: man braucht für den Login neben einem Facebook-Profil –zwingend– ein iPhone oder iPad. Per Browser (oder Androidgerät) geht derzeit gar nichts. Schlimmstenfalls muss man also tatsächlich vorher noch für viel Geld ein neues Gerät kaufen, bevor man überhaupt irgendetwas tun kann.

Ist das Opfer dann noch zum Beispiel trans* und lebt heutzutage unter einem anderen Namen als dem, der in den Papieren steht, eröffnen sich dem Angreifer noch ganz andere Möglichkeiten. Es ist unter den Arschlöchern der Welt sowieso schon beinahe ein Volkssport, Transmenschen bei Facebook anzuschwärzen, welches dann umgehend das Profil sperrt und den/die Nutzer/-in dazu zwingt, die eigene Identität per offiziellen Papieren nachzuweisen. Steht in den Papieren ein anderer Name als im Profil (was bei Transmenschen eher die Regel als die Ausnahme ist), wird das Profil zwangsweise auf den alten, „toten“ Namen geändert (und lässt sich danach auch nicht so ohne weiteres wieder auf den selbstgewählten neuen Namen ändern).

Für viele Transgender ist diese Art der erzwungenen Konfrontation mit dem vorherigen Ich zutiefst belastend und kann Angstzustände und Depressionen auslösen. Viele ziehen es vor, das Profil gar nicht wieder zu aktivieren, was bei Schikane per Peeple ja gar keine Option ist. Wenn also der Verfolger sein Opfer erst bei Peeple und dann bei Facebook anschwärzt, folgt schlimmstenfalls also ein Hürdenlauf der ekelhaftesten Art, um erst das Facebook-Profil wieder zu aktivieren und dann vielleicht endlich den Kommentar bei Peeple entfernt zu bekommen. Und es hindert nichts den Angreifer daran, das ganze Spiel umgehend zu wiederholen. Erwirbt der Angreifer zudem ein Wegwerf-Telefon mit Prepaid-Nummer, um seine Schmierereien bei Peeple zu veröffentlichen, wird es noch einmal schlimmer: Das Opfer bekommt dann unter Umständen tagelang nichts mit, kann also nicht einmal reagieren, bevor wirklich alles zu spät ist.

Die Opfer werden zu einem überwältigenden Anteil nichtweiße Frauen und Transgender sein, also eben diejenigen Menschen, die eh schon mit Anfeindungen und Ausgrenzungen zu kämpfen haben. Peeple gibt all den furchtbaren Arschlöchern, von denen die Menschheit wahrlich genug besitzt, ein Schikane-Werkzeug par excellence an die Hand. Ich übertreibe nicht einmal, wenn ich hiermit feststelle, dass der virtuelle „Positivitätsdienst“ Peeple ganz reale Menschenleben kosten kann und wird. Denn es gibt kein Entkommen:

Peeple-Screenshot: Can I take myself off of Peeple? - No. Not at this time. We may consider this feature in the future.

Ganz genau: man wird nicht nur nicht vorher um Erlaubnis gefragt (Opt-In), sogar die Möglichkeit eines Opt-Outs fehlt. Peeple denkt derzeit darüber nach, später einmal darüber nachzudenken, noch später vielleicht einen Opt-Out anzubieten. Natürlich wäre das auch letztlich wohl sowieso in der Praxis ein unmögliches Feature, da Namen ja nicht eindeutig sind und ein Angreifer jederzeit auf eine neue Wegwerf-Telefonnummer ausweichen kann.

Man ist der Schikane also wirklich hilflos aufgeliefert. Wenn man nach den derzeit online verfügbaren Informationen geht, scheint das Opfer nicht einmal zwingend ein Facebook-Profil zu benötigen; der Dienst ist wirklich furchterregend auf jeder Ebene. Und so frage ich noch einmal: welche Art Mensch muss man eigentlich sein, damit man so etwas überhaupt jemals für eine gute Idee halten kann? Derzeit ist zu hoffen, dass „Peeple“ es sogar für die amerikanischen Behörden zu bunt treibt; ansonsten wird vermutlich eine Flut von Schmerzensgeld-Klagen die Folge sein, die den Dienst höchstwahrscheinlich ruinieren wird: aber das wäre dann ja eigentlich schon zu spät.

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