Heteronormativität: der eigentliche Genderwahn

Wenn man sich den Zustand unserer Welt so ansieht, gibt es einiges zu tun. Die Umwelt geht vor die Hunde, das Wetter spielt verrückt, die Schere zwischen Arm und Reich wird größer und nicht kleiner, unter religiösen Vorwänden werden ganze Völker unterdrückt oder gleich ermordet. Und ich will an dieser Stelle mal eine gewagte These dazu aufstellen: einer der wichtigsten Faktoren in allen diesen Problematiken ist die fortgesetzte Verklärung der heteronormativen Gesellschaft.

(Vorwarnung: dieser Text ist vielleicht etwas erklärbärig geraten. Aber er hat sich mit der Zeit einfach aufgestaut und wollte jetzt endlich dringend an die Luft.)

Die Zwei als Zahl hat etwas magisches. Sie kommt ungeheuer oft in der Natur vor: schon die DNA besteht aus Basenpaaren, und die meisten höheren Lebewesen besitzen ein diploides Erbgut, also einen doppelten Satz Chromosomen. Es gibt zwei elektrische Ladungsformen, zwei Arten von (Anti-)Materie und: zwei Geschlechter, zumindest augenscheinlich. Doch diese scheinbare Einfachheit, mit der sich fast die gesamte Tier- und Pflanzenwelt inklusive der Menschheit in zwei Gruppen teilen lässt, ist trügerisch.

Zunächst einmal sieht alles ganz logisch aus: Frauen haben zwei X-Chromosome, Männer ein X- und ein Y-Chromosom, YY gibt es nicht. Frauen haben Brüste und eine Vagina, Männer Hoden und einen Penis. Männer sind kräftiger gebaut, Frauen im Mittel etwas kleiner und schmächtiger. Soweit das Cliché zumindest. Im Mittel mag da sogar etwas dran sein, aber Mittelwerte eignen sich eigentlich generell schlecht zur Norm, auch wenn sie leider oftmals derart zweckentfremdet werden.

Und so ist die Wahrheit also ein wenig komplizierter: Männer mit Brustansatz und Frauen mit Bartflaum sind da nur die auffälligsten Ausnahmen von der angeblich ach so festen Regel der zwei natürlichen Geschlechter. Selbst wenn man nur von der biologistischen Seite kommend die reinen Äußerlichkeiten der „zwei“ Geschlechter betrachtet, vereinen beide eine große Vielfalt an individuellen Formen; nimmt man die Tatsachen hinzu, dass auch direkte hermaphroditische Individuen zwar selten, aber in praktisch jeder Spezies des Planeten regelmäßig vorkommen (ja, auch beim Menschen) und die Sache mit den genau zwei Chromosomen auch nur eher eine Richtschnur als ein festes Gesetz ist, wird die Unterscheidung nach Geschlechtern beinahe willkürlich. Anders ausgedrückt: das „Geschlecht“ ist eine reine Heuristik, eine in der Wissenschaft gelegentlich nützliche Taxonomie, die aber dabei so unscharf ist, dass sie als Grundlage für eine gleichwie geartete biologische „Wahrheit“ gänzlich ungeeignet ist.

Noch schlimmer bestellt ist es um das Geschlecht, wenn man seine soziale Funktion betrachtet. Es liegt natürlich nahe, dass sich durch unsere Sprache und unser Denken genau dieselbe Zweiteilung zieht: die Begriffe „männlich“ und „weiblich“ definieren sozusagen ein Koordinatensystem, in das im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende eine Vielzahl von Eigenschaften eingeordnet wurde. Bestimmte Charaktereigenschaften gelten als typisch weiblich, andere als betont männlich. Das wäre nun kein wirkliches Problem, wenn diese Klassifikation nicht einher gehen würde mit der Forderung, dass jeder Mensch bitteschön genau eines von beiden (und nur eines von beiden) zu sein habe.

In unseren Köpfen ist die Liste dessen, was einen Mann zum Mann und eine Frau zur Frau macht, recht umfangreich, und alle Abweichungen werden mit Misstrauen betrachtet. Eine Frau, die eine berufliche Karriere anstrebt, muss sich nicht selten den Vorwurf gefallen lassen, sie sei beispielswiese eine schlechte Mutter, da Mütterlichkeit und Kinderbetreuung als implizit „weiblich“ gelten. Eine Freundin beschrieb letztens in ihrem Blog Reaktionen auf ihren Wechsel zu kürzeren Haaren: eine eigentlich triviale Änderung des Aussehens, aber doch eine bewusste Abweichung vom klassischen „weiblichen“ Aussehens-Schema. Frauen, die sich dergestalt unweiblich geben, werden schnell als „Kampfemanzen“ oder als lesbisch oder als beides abgestempelt.

Umgekehrt wirkt der Mechanismus natürlich auch, mit teilweise noch stärker verstörenden Auswirkungen. So wie sich die „unweibliche“ Frau mit Vermutungen über ihre sexuelle Orientierung herumschlagen muss, gilt dies noch viel stärker für den Mann, der sich in irgendeiner Weise feminin oder auch nur androgyn gibt. Tatsächlich sind klassisch männliche Kleidungsstücke wie Hosenanzüge bei Frauen heutzutage sogar weitgehend akzeptiert, während ein Mann, der im Rock oder Kleid zur Arbeit käme, sofort entweder als schwul oder als transsexuell eingestuft würde. Und ein Mann, der in der Kindererziehung arbeiten will, also einem typisch „weiblichen“ Berufsfeld, hat mitunter noch Glück, wenn man ihn „nur“ für schwul hält und nicht gleich für pädophil.

Diese bedingungslose Verknüpfung von Geschlechtern, ihren Rollen in der Gesellschaft sowie ihnen zugeschriebenen Eigenschaften wird heutzutage gemeinhin unter dem Begriff „Heteronormativität“ zusammengefasst. Der „Normalfall“: das ist der heterosexuelle Cisgender-Mensch, das sind also Männer und Frauen, die sich in die für sie vorgesehenen (Gender-)Rollen einfügen. Alles andere, also insbesondere homo- oder bisexuelle Menschen oder Transgender, wird als Abweichung betrachtet, als Abnormität, die es zu bekämpfen gilt. Und so leben wir bis heute in einer Gesellschaft, in der Politiker allen Ernstes vom „Genderwahn“ sprechen, der angeblich alle Menschen gleichmachen wolle, wo eigentlich das genaue Gegenteil der Fall ist. Denn der naiv-sentimentale Wunsch, dass Männer bitteschön endlich wieder „echte“ Männer zu sein hätten und Frauen echte Frauen, ist die eigentliche Gleichmacherei.

In Verbindung mit einer auf eine herrschende Rolle des Mannes ausgelegten Verteilung der normativen Eigenschaften der Geschlechter ist das Ergebnis außerdem eine fortgesetzte Unterdrückung insbesondere von Frauen und Transgendern. Patriarchale Gesellschaftssysteme und die großen Weltreligionen stabilisieren sich hierbei gegenseitig; insbesondere die drei Abrahamitischen Religionen sind männlich dominierte Konstrukte, in denen eine rigide Sexualmoral die Frau auf einen laufenden Brutkasten reduziert. Man kann dies derzeit schön an der aktuell aufgeflammten Abtreibungs-Diskussion in den USA beobachten.

Das Recht der Frau, über ihren eigenen Körper zu entscheiden, endet für die Abtreibungsgegner (die übrigens beinahe alle aus dem religiös-konservativen Umfeld kommen) genau zu dem Zeitpunkt, zu dem sich eine Eizelle in ihrer Gebärmutter eingenistet hat; ab da hat der Embryo Vorrang. Manchmal werden vielleicht noch Ausnahmen für Vergewaltigungsopfer akzeptiert, aber oftmals nicht einmal das. Und bei einer „normalen“ Schwangerschaft lautet die Argumentation, dass die Frau ja vorher hätte besser aufpassen können; sie wird also letztlich für ihre vermeintliche Promiskuität bestraft, zuallermindest ist sie sie „selbst schuld“.

Generell ist es auch in unseren ach so modernen und aufgeklärten Gesellschaften so, dass sexuelle Freizügigkeit am ehesten dem Mann zugestanden wird. Ein Mann, der viele Sexualpartnerinnen hat, wird mitunter noch für seine Virilität bewundert und als „Hengst“ gepriesen. Eine Frau mit vielen Partnern ist dagegen schnell eine „Schlampe“ oder eine „Nutte“ oder beides. Das passt insofern ins Bild, als dass ja im traditionellen Familienbild der Mann der Alleinversorger (und gelegentliche Erblasser) ist, der deshalb natürlich ein starkes Interesse daran hat, dass ihm keine Kinder „untergeschoben“ werden.

Die Antwort auf all diese Probleme kann eigentlich nur darin bedeuten, endlich das unselige Zeitalter der Heteronormativität für beendet zu erklären. Die „Ehe für alle“ wäre ein wichtiger erster Schritt in eine Gesellschaft, in der außer für etwaige Statistiken das Geschlecht der Menschen wirklich keine Rolle mehr spielt.

Neben der Ehe für alle brauchen wir außerdem endlich echte Parität im Berufsleben. Je mehr Frauen und Männer gleichberechtigt in allen Berufen tätig sind und sich ebenso die Kindererziehung teilen, desto weniger Macht haben die alten Mechanismen, die uns an überkommenen Vorstellungen davon festhalten lassen, was „typisch Mann“ und „typisch Frau“ ist, vom Berufsleben bis zur Kleidung. Ich werde das Ende dieser Entwicklung vermutlich nicht mehr erleben, aber zumindest echte, ernste Anfänge würde ich schon gern endlich mal sehen.